Es gibt Pop-Künstler*innen deren theoretischer Tiefe das Format unserer kurzen Biographien gar nicht gerecht werden kann. Lucrecia Dalt ist eine von ihnen. Die in Berlin lebende Künstlerin stammt eigentlich aus Kolumbien, und, noch ein eigentlich, sie ist oder war mal Ingenieurin für Geotechnik. Diesen Interessen entspringen sowohl die Themen als auch der Titel ihres neuen, sechsten Albums »Anticlines«. Eine Antikline, so lehrt uns das Internet ist ein geologischer Sattel, eine durch Faltung erzeugte Aufwölbung geschichteter Gesteine. Frappierend, wie treffend dieser Begriff die Klänge der Künstlerin beschreibt. Loops und scheinbar ausserirdische Signale wölben, schlingern und schleifen sich in kurvigen Bahnen an die Oberfläche; eine Oberfläche an der Dalt den scheinbar freilaufenden Schleifen mit eher gesprochenen als gesungenen Texten sodann eine Form zuweist. In diesen treibt Dalt die ungewöhnliche Symbiose aus Pop-Musik und Geologie weiter voran: Um Meteoriten geht es, um Mars, Erde und Antarktis, um Mineralien, Teer und, logisch, die Heliopause. Dass es sich dabei um mehr als einen Grundkurs in Geologie handelt schwant uns bald: Um Grenzen und deren Aufhebung geht es. Um Verwandlungen und Veränderungen, um Gegenwart und Zukunft, um die Welt im Prozess und den Menschen darin. Dalts Musik ist so durchdacht wie bezaubernd und der Verbund von theoretischer Poesie und hypnotisierendem Sound wohl weit und breit einzigartig.
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