Der Künstlername des Neu-Berliners gehört eigentlich in einen AOL-Chat-Room oder mit der Sprühdose an einen New Yorker U-Bahn-Waggon gesprüht. Und bei so viel Fingerspitzengefühl für die Zeichenwelt der 90er Jahre glaubt man kaum, dass die 93 wirklich für das Geburtsjahr des kanadischen Musikers steht. Antoine Lahaie aus Montreal, Quebec ist einer der wenigen eigentlich frankophonen Künstler, die sich in die englischsprachige Musik-Szene der Stadt eingeschlichen haben. Als Einflüsse und Vorbilder nennt Antoine ohne jede Ironie Cher und Celine Dion, er trägt einen glitzernden Ohrring und eine Latzhose von Tommy Hilfiger. Die Musik der 1-Mann-Performance schielt folglich auf die Großraum-Disko, einem ersten Eindruck nach könnte Antoines hochproduzierter Mega-Pop auch aus dem Hause einer kommerziellen Hit-Schmiede stammen, doch die Subversion, beabsichtigt oder nicht, sitzt im Detail. Auf der beim Berliner Label Mansions & Millions erschienenen und noch etwas zögerlich mit «Maybe Unlock my Heart» betitelten EP finden sich hyper-euphorisierende Titel wie «Extra Strong» oder «I like 2 Get High». Too much ist Programm, die Überhöhung macht Spaß: mit digitalen Produktionsmitteln und großem Songwriting-Talent kehrt der 22-jährige die Verhältnisse um und erklärt sich selbst zum Superstar.
Antoine93
2015